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Kinosaal der Humboldt-Universität zu Berlin
Unter den Linden 6

Manfred Eigen, Jahrgang 1927, begann seine wissenschaftliche Arbeit als promovierter Physiker 1951 am Institut für physikalische Chemie der Universität Göttingen. 1953 holte ihn Karl Friedrich Bonhoeffer an das Max-Planck-Institut für physikalische Chemie in Göttingen, wo er 1958 wissenschaftliches Mitglied der Max-Planck-Gesellschaft, 1962 Leiter der Abteilung für chemische Kinetik und 1964 Direktor am Institut wurde. Das Institut wurde 1971 erheblich erweitert und heißt heute Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie.

Im Göttinger Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie wird seit Jahren experimentell untersucht, wie die Evolution sich selbst organisierender Systeme vor sich geht. Dabei wird mit Viren gearbeitet, die Bakterien befallen. Diese »Evolutionsmaschinen« hat Manfred Eigen entwickelt, der 1967 zwar den Nobelpreis für die Untersuchung sehr schnell verlaufender chemischer Reaktionen bekam, aber sich schon damals fast völlig Evolutionsfragen zugewandt hatte. 1971 legte er eine wegweisende Arbeit vor, deren Begriffe inzwischen klassisch sind: »Selbstorganisation der Materie und die Evolution biologischer Makromoleküle«. Für die darin entwickelte Theorie und deren weitreichende Folgen erhielt er 1992 den renommierten Paul-Ehrlich-Preis.

Außer dem Nobelpreis und dem Paul-Ehrlich-Preis wurden Eigen viele Ehrungen zuteil. Dazu zählen vierzehn Ehrendoktorate, viele Medaillen und Mitgliedschaften in in- und ausländischen Akademien. Eigen gilt als »leading figure internationally in research on the molecular mechanism of evolution in nature«.

Vor hundert Jahren standen im Vordergrund physikalisch chemischer Betrachtungen die Gleichgewichtseigenschaften ausgedehnter materieller Systeme. Energie und Entropie waren die ausschlaggebenden Größen für die noch neuartigen vielfältigen Anwendungen der Hauptsätze der Thermodynamik. Heutzutage befaßt sich die physikalische Chemie mit materieller Selbstorganisation, die sich fernab vom thermodynamischen Gleichgewicht vollzieht. Die beherrschende Variable ist die Information, die in der Biologie nicht nur auf der Ebene von Zellnetzwerken wie etwa des menschlichen Denkorgans, sondern auch bei interzellulärer Kommunikation oder gar bei der molekularen Selbstorganisation der genetischen Baupläne eine entscheidende Rolle spielt.

Wie entsteht Information? Diese Frage läßt sich heute mit den Ansätzen und Konzepten der physikalischen Chemie behandeln. Es gibt für die Information keinen Erhaltungssatz, wie im Falle der Energie. Zwar ist der Verwandlungsgehalt der Materie, die Entropie, in diesem Zusammenhang eine essentielle Größe, doch muß sich Entstehung, (umweltbezogene) Bewertung und Fixierung von Information fernab vom Gleichgewicht, aufgrund nichtlinearer irreversibler Prozesse, vollziehen. Die notwendigen und hinreichenden Voraussetzungen sowie die resultierenden physikalischen Gesetzmäßigkeiten derartiger synergetischer Abläufe werden beschrieben und Experimenten in vitro sowie in vivo gegenübergestellt.




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